Muttersprache מאַמע-לאָשן

studioNAXOS, Premiere 2016

  • Gabriele Nickolmann, Foto: © Marcus Morgenstern
Eine Produktion von ELEGANZ AUS REFLEX
Regie: Carolin Millner 
Text: Sasha Marianna Salzmanns Muttersprache Mameloschn 
Bühne: Nils Wildegans 
Kostüm: Maylin Habig 
Dramaturgie: Tatjana Kijaniza 
Musik: Marcus Morgenstern, Nils Wildegans 
Bühnenbildassistenz: Lisa Magalene Herms 
Spieler*innen: Gabriele Nickolmann, Sophie Pfenningstorf, Annemarie Falkenhain 
outside eye: Carmen Salz, Bettina Földesi 
Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main

Lin, Clara, Rahel. Großmutter, Mutter, Enkeltochter. Drei Generationen und dazwischen das Vergangene, das nicht vergangen ist und eine Liebe, die immer eine Zumutung bleibt. Zwischen Emanzipation und Restauration, völliger Assimilation und Rückkehr zu einer verdrängten und zugeschütteten Identität, suchen die Frauen nach einem Wort für sich. Frau? Jüdin? Kommunistin? Deutsche? Atheistin? Lipstick Lesbian? Kosmopolitin? Eine Begegnung, die so nie stattfand. Eine Familie, in der Widersprüche Hoffnungen sind.

In unserem Abend gehen wir der Frage nach, wie jede*r für sich mit der eigenen Familiengeschichte umgeht, die Strukturen erkennt, in denen alle gefangen sind und die Emanzipation daraus. Mit oder ohne die Anderen, vor dem Lauf der Weltgeschichte - die auf manche Familien stärker einwirkt als auf andere und zu neuen Verbündeten aber auch Zerwürfnissen führt - und auf der Suche nach einem "Wozu".

Lediglich weiße Vorhänge bilden das Bühnenquadrat im studioNAXOS. Dahinter kommt ein weiterer Vorhang zum Vorschein und als nach knapp 80 Minuten der Raum kahl ist, gibt es nichts weiter zu sagen, versiegen die Sprechakte, verschwinden die Figuren. Sophie Pfenningstorf, Annemarie Falkenhain und Gabriele Nickolmann sprechen zunächst ohne genaue Rollenzuordnung als Großmutter Lin, Mutter Clara und Enkelin Rahel. Die drei Frauen sprechen Brieftexte, unter anderen an einen nie anwesenden Sohn beziehungsweise Bruder, sie kämpfen miteinander, sie ringen um die Vorherrschaft. Jeweils zwischen Mutter und Tochter ist die Hauptlinie dieser Rededuelle, die bissig, scharfzüngig, voller böser Pointen sind und naturgemäß an kein rechtes Ende kommen. Millners Inszenierung bleibt dicht an den Figuren dran, sie lässt sie mitunter körperlich die gleichen Bewegungen vollführen und verlässt sich dabei ganz auf den Text. Als kreisender Diskurs über jüdische Identität, über jüdisches Leben nach 1945 in der DDR, vor allem als Psychogramm der konfliktträchtigen Mutter-Tochter-Beziehung stellt der Abend aber vor allem Fragen und lässt die Figuren und die Zuschauer damit absichtsvoll allein.

FAZ, Matthias Bischoff, 20.06.2016
Gefördert durch die maeceniaStiftung. Die Wiederaufnahme wurde unterstützt von der Hessischen Theaterakademie und dem Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main.